SICH ZEIT GEBEN

Inter-kulturelle Studien besagen, dass nach ein paar Wochen - spätestens nach eine paar Monaten - die erste Krise da ist. 

SCHWERE SEE UND WAS DANN?

„Das wilde Tier Heimweh kam zu mir nicht oft, doch wenn es da war, dann war es arg. Einmal im Februar. Ich habe mich nach guter deutscher Winterluft gesehnt. Frische Luft in den Bergen. Mich hat es fast zerrissen. Ich hatte ständig Tränen in den Augen. Erst nach ein zwei Wochen habe ich wieder etwas klarer gesehen.“

Ich habe in meinen Interviews gefragt: 

Und wenn der Tag kommt, an dem jeder Schritt schwer fällt? 

„Es war, als ob ich durch das Tal einfach durch musste. Wie auch immer. Und irgendwann habe ich dann wohl über das Tal gar nicht mehr nachgedacht. Nach ungefähr vier Wochen war ich aus meinem Heimweh-Tal wieder draußen. Langsam, aber stetig bin ich wieder hervorgekrochen gekommen, aus meinem Loch. Und dann war ich irgendwie stolz. Ich hatte durchgehalten. Das hat mir Kraft gegeben.“

Das Wort „durchhalten“ verspricht Mühsal und klingt nicht verlockend. Die Parole „durchhalten“ bringt selten Spaß und Heiterkeit. „Durchhalten“, dieses Wort fiel sehr oft in meinen Interview-Gesprächen. Durchhalten, wenn Schritte schwer fallen. Durchhalten, wenn man sich einsam fühlt.

Ein manches Mal war ganz sicher eiserner Wille gefragt. Augen zu und durch. Doch keine meiner Gesprächspartnerinnen hat dabei von harten und eisernen Durchhalten gesprochen. Auf die Dauer ging es nicht um Härte gegen sie selbst. Es ging um Geduld. Sie haben sich und den Dingen ihre Zeit gegeben.

Maike Winnemuth hat es in ihrem Buch „Das große Los“ schön ausgedrückt:

„Nichts auf erste Eindrücke geben. Geduld mit einem Ort und auch mit mir selbst (...) haben. Liebe auf den fünften Blick ist nicht die schlechteste.“ 

Langsamer gehen und sich Zeit geben, den Tipp gaben auch meine Interviewpartnerinnen: 

Gib Dir Zeit. Trab vor Dich hin und häng die Erwartungen einfach mal tiefer.“

„Die drei Jahre, die vor mir lagen, die haben mich am Anfang fast erschlagen. Ich bin ständig um die Zahl Drei gekreist. Bis ich irgendwann gar nicht mehr darüber nachgedacht habe. Das war schön. Fast schon unbemerkt bin ich ruhiger geworden. Das war der Moment in dem ich gemerkt habe: Gib Dir Zeit. Mach Dich nicht verrückt.“

In diesem Sinne: Sich Zeit geben und gut zu sich sein.

 


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